ANNE WANNER'S Textiles in History   /  book reviews, articles

 
 

Europäische Stickereien 1650-1850, bearbeitet von Uta-Christiane Bergemann, Kataloge des Deutschen Textilmuseums Krefeld Bd. 2, Krefeld 2006. in german language.
266 Seiten, 187 Katalog-Nr. mit farbigen Abb. und einem Glossar; zu Euro 40.0


 
 
The period dealt with in this book is from 1650 to 1850. It is a most important book for all textile historians who are inventarising collections and all people who are interested in the history of embroidery. Although folk costume, samplers, embroideries of Greece and Turkey are not present, these items will be treated in a later research.

The book itself is devided into a text part and a catalogue part. In the introduction the author points to several topics which are important for the development of embroidery, as: fashion, design of motives, forms of representation, technical possibilities, organisation of commerce and distribution.



Dalmatic, Spain ?, 1712, restored 19th and 20th c.,
Inv.Nr. 08045, cat. 5, p. 80.

     
 
Very important and interesting is Bergemann's study on the present situation of research of historical embroidery. She acurately comments articles and papers on embroidery concerning the period from 1650 to 1850 and gives a survey on the research done in this field up the present day. It also becomes obvious, where the gaps and openings are located and where more work still has to be done.

There are remarks about the development of the collection and about the big losses in the 2nd world war, especially in inventaries.

The text is devided into three main chapters:
- Fashion, market, society
- Producers and forms of production
- Commerce



Palla, 2nd half 17th c., Inv.Nr. 08072, cat. 8, p. 82
(similar Palla, see cat. 9, p. 82)

     
 
The bases of the catalogue part are the different embroidery techniques
of the period in question, and the several chapters are set up according to techniques. Every chapter is introduced by a description of the technique, of materials used and of the history of the group of embroidery stitches.
So the textiles of the collection are arranged into the following chapters:
- 1. Gold embroidery
- 2. Satin stitch and related techniques in coloured embroidery
- 3. Application work
- 4. Chainstitch - Tambour work
- 5. Satin stich and related techniques in white embroidery
- 6. Filetwork, net embroidery
- 7. Quilting, Marseilles embroidery
- 8. Canevas work

 



Fragment of Chalice Veil, Italy, first half 17th c.,
Inv.Nr. 08772, cat. 35, p. 109

   An Appendix follows, with:
- embroidery stitches and diagrams
- glossary
- concordance of cataloge and inventary numbers
- bibliography



 




Detail of Shirtsleeve, Switzerland ?, 17th c.,
Inv.Nr. 08713, cat. Nr 116, p. 184




Cap for a Man, Saxony, 3rd quart 18th c.,
Inv.Nr. 09485, cat. 124, p. 189

     
 

Detail of collar, Eastern Switzerland?, 19th c., Inv.Nr.15113 AB, cat. 132, p. 194



one of four embroidered backs of upholstered Chairs,
France, 1st half of 18th c., Inv.Nr.10698B, cat.172 E, p.234

     
 
 
  Book review
in german:

by Anne Wanner

  Neben dem eigentlichen Sammlungskatalog liegt hier eine eingehende und auch erstmalige Studie zur Geschichte und Entwicklung der Stickerei von 1650 bis 1850 vor. Bisher gibt es in dem komplexen Gebiet für den erwähnten Zeitraum kaum Untersuchungen, die auch Beziehungen zur gleichzeitigen gesellschaftlichen wie wirtschaftlichen Wandlungen aufzeigen. Besonders erwähnenswert und sehr verdienstvoll sind in der Arbeit denn die Verweise auf weiterführende Literatur und auf erhaltene Dokumente. Die zahlreichen Anmerkungen müssen nicht in hinteren Kapiteln mühsam zusammengesucht werden, sondern sie befinden sich in der Nähe des Textes und können vom Leser je nach Bedarf in die Lektüre einbezogen werden.

Im Folgenden möchte ich auf den Inhalt der Studie hinweisen. Sehr lohnend wäre es, Fragen, die sich ergeben, auch in grösserem Kreise zu diskutieren. Die Autorin selber weist mehrmals auf vorhandene Lücken hin und zum anderen wählt sie auch ungewohnte Ansätze, zur besseren Darstellung von bisher kaum wahrgenommenen Problemkreisen. Hier sei besonders die im Katalogteil vorgenommene Kapitel Einteilung in Stich Kategorien genannt.
  Die Ausstellung wie auch die im Katalogteil beschriebenen Textilien beziehen sich auf die Sammlungsbestände des Deutschen Textilmuseums. Auf einzelne Gebiete, wie Mustertücher und griechische Stickerei verzichteten die Verantwortlichen, sie sollen zu einem späteren Zeitpunkt behandelt werden. Die zeitliche Eingrenzung von Ausstellung und Katalog in die Epoche von 1650 bis 1850 wurde vorgenommen, weil diese Periode geprägt ist von wichtigen Umwälzungen in sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht.

Dem Sammlungskatalog geht ein ausführlicher Einleitungsteil voraus. Die Autorin stellt zunächst die Forschungssituation dar. Weil bis anhin vertiefende Uebersichten über Herstellungsprozesse oder systematische Zusammenfassungen von Gestaltungsformen der Stickerei fehlen, stellte sie sich die Aufgabe, diese anspruchsvollen Fragenkomplexe zu untersuchen. Zunächst weist sie auf verschiedene Autoren hin, erwähnt als beispielhaft Ruth Bleckwenn, die in ihrem Buch wirtschaftliche, gesellschaftliche und künstlerische Zusammenhänge analysierte und Dela von Boeselager, welche Detailstudien zur Herstellern und Herstellungsformen in ihre Untersuchung einbezog.
     
 
  Die Einleitungskapitel stehen unter dem Titel Mode-Markt-Gesellschaft. Hier geht Bergemann zunächst ein auf die Gebrauchsformen von Stickereien, auf Produzenten und Produktionsformen, auf Fertigung und Handel und fügt als Zusammenfassung ein Kapitel über den Wandel der sozialen Bedingungen an.

Bei den Gebrauchsformen erwähnt die Autorin Stickereien in der absolutistischen Standesrepräsentation, Stickerei für die Kirche, Stickereien im Wandel der Raumausstattung und Stickerei in der Kleidermode. Sie weist auf Wandlungen in Wirtschaft und Gesellschaft und deren Einfluss auf die Textilien, ebenso auf Veränderungen in der Vorliebe von Materialien.

Bei Produzenten und Produktionsformen unterscheidet sie zwischen privater und professioneller Produktion, sowie der Herstellung von Stickereien in Klosterwerkstätten, von denen allerdings die meisten kaum erforscht sind. Sie betont die Bedeutung der Zünften, nennt selbständige Frauen wie Frauen als Hilfsarbeiterinnen in Werkstätten und nennt die protoindustrielle Fertigung seit der 2. Hälfte des 18. Jhs in Lyon, St.Gallen, Erzgebirge.

Unter Fertigung und Handel kommen verschiedene Herstellungsformen zur Sprache, denen unterschiedliche Handelsformen entsprechen. Hier führt die Autorin erhaltene Verträge für Auftragsarbeiten auf, stellt auch die Frage nach der Bedeutung von Entwurf und Vorlage und erwähnt das Aufblühen eines internationalen Handelsnetzes seit der Mitte des 18. Jahrhunderts.
Als bedeutsame Wandlung beschreibt sie die mit Aufklärung und Revolution aus der Mode kommende Gold- und Seidenstickerei ab Mitte 18. Jh. Mit der Einführung der Gewerbefreiheit begann sich eine Grossproduktion mit preiswertem Angebot zu entwickeln. Eine Ausbildung von Stickerinnen, die als billige Arbeitskräfte sehr geschätzt waren, beschränkte sich auf das reine Sticken und kaum auf das Entwerfen.
  So zeigt sich vom Barock zum Biedermeier eine ausgeprägte Tendenz vom künstlerisch anspruchsvollen Handwerk hin zum reinen Ausführen vorgegebener Muster.

Bei ihren Untersuchungen nennt Bergemann mehrmals Lücken in dieser Erforschung der Geschichte der Stickerei. Sind Spezialstudien vorhanden, so berichtet sie ausführlich zu den einzelnen Punkten. Manche Gebiete sind nicht bearbeitet, und hier bedeutet der Hinweis von noch zu leistender Forschungsarbeit ebenfalls eine wertvolle Mitteilung.

Im Katalogteil stellt Bergemann eine Ordnung der Sammlungstextilien nach bisher nicht üblichen Gesichtspunkten auf. Sie sind nicht chronologisch der Entstehungszeit entsprechend, auch nicht nach ihrer Verwendung, sondern nach einzelnen Arten der Stickerei in Kategorien zusammengefasst. Dies erlaubt der Autorin, auf verschiedene Aspekte des Stickstiches als solchen einzugehen.

Den eigentlichen Objektbeschreibungen sind Einleitungskapitel vorangestellt, in denen die jeweilige Stickart (Goldstickerei, Plattstickerei, Tambourierarbei, Kanevasstickerei etc.), und die benötigten Materialien behandelt werden. Des weiteren verweist die Autorin auf Gestaltung und Stickstil, wie auf die historische Entwicklung der einzelnen Stickstiche. Diese vier Gesichtspunkte behandelt sie bei allen acht vorgestellten Stickarten.

Es ist allerdings nicht immer einfach, diese Kategorien mit dem gewählten Zeitabschnitt von 1650 bis 1850 in Einklang zu bringen. Dies kann gelingen bei den im 18. oder 19. Jahrhundert beliebten Stickarten, wie Tambourierarbeiten, auch Netzstickereien, und teilweise auch Weissstickerei in Plattstich. Interessant sind die Ausführungen zur Stepparbeit (Marseiller Stickerei), über die sehr wenige Einzelstudien vorhanden sind.
       
 
  Andere Kategorien erstrecken sich über die gewählten Grenzen hinaus und können deshalb auch nicht vollumfänglich zur Darstellung gelangen.

So möchte ich hier einfügen, dass der eigentliche Höhepunkt der Ostschweizer Weissstickerei (Handstickerei)zwar in der Mitte des 19. Jhs und in den darauf folgenden Jahren liegt, also nicht mehr im gewählten Zeitabschnitt. Doch ist für diese regional begrenzte Stickart neben den Vorläufern (Tambourierarbeit), auch die Entwicklung von Baumwollspinnerei und Baumwollweberei von Bedeutung.
In Venedig als Umschlagplatz für rohe Baumwolle aus Mittelmeergebieten fanden sich unter anderen seit dem 15. Jahrhundert auch Ostschweizer Handelsniederlassungen. Das handgesponnene Garn wurde zunächst zu Mischgeweben (Barchent) verarbeitet. Gewebe aus reiner Baumwolle gelangten seit dem 17. und 18. Jahrhundert wohl zuerst aus Ostindien nach Europa.
In England lassen sich Stickereiverzierungen solcher Gewebe seit dem frühen 18. Jh. nachweisen. In der Schweiz bildete das Verspinnen der Rohbaumwolle vielerorts eine Beschäftigung der armen Bevölkerung, wie Armenberichte im Zürcher Oberland aus dem 17. Jh. eindrücklich belegen. Auch Goethe berichtet in „Wilhelm Meister“ über Baumwolltransporte via Maultiere über die Berge und über die Spinn- und Webstuben im Zürcher Oberland.

Etwa um die Mitte des 18. Jahrhunderts entstanden feine Mousselingewebe in der Ostschweiz, die über die damals bekannten Handelswege in ganz Europa guten Absatz fanden.
 
  Bald erlaubten verbesserte Webtechniken das Verarbeiten grösserer Garnmengen. Als weitere Folge ergab sich die Mechanisierung des Spinnvorganges. Durch diese in England entwickelte Spinnmaschine verloren unzählige Spinnerinnen ihren Broterwerb. In der Ostschweiz fanden viele dieser arbeitslos gewordenen Frauen eine neue Beschäftigung in der neu aufkommenden Stickerei. Es könnte dies eine Erklärung sein für die grosse Anzahl von Textilarbeiterinnen, die im ausgehenden 18. Jahrhundert in der Ostschweiz dokumentiert ist.

Das englische Maschinengarn seinerseits, das nun aus England in die Ostschweiz gelangte, eignete sich als Stickgarn, ja, mit dem Maschinengarn veränderte sich das Aussehen der Stickereien, gewisse Stickstiche konnten sich erst mit dem neuartigen Maschinengarn entwickeln.

Wegen der Kontinentalsperre durch Napoleon war kurz darauf in der Schweiz selber die mechanische Produktion gefragt und seit 1816 entstanden hier vielerorts Spinnereien und Webereien. Zu dieser Thematik sind mehrfach Studien vorhanden, wie auch Geschichte und Wirtschaftsgeschichte gut bearbeitet sind.



Literatur zur Mousselineweberei in der Ostschweiz:
- Braun, Rudolf, Industrialisierung und Volksleben im Zürcher Oberland vor 1800, Winterthur 1960
- Bodmer, Walter, Die Entwicklung der Schweiz. Textilwirtschaft im Rahmen der übrigen Industrien und Wirtschaftszweige, Zürich 1960
       
 
  Fragen können sich ergeben bei der Einteilung in Stich–Kategorien, z. B. bei den Kanevasstickereien. Bergemann definiert diesen Begriff als als fadengebundene Stickerei auf auszählbarem Grund. Damit vereint sie zwei sehr unterschiedliche Stickarten unter einem Dach. Das Kapitel als solches ist zwar zweigeteilt, in Haushalttextilien und in Raumtextilien. Der erste Teil fasst die vielfach lineare Motive mit roter Stickereiverzierung auf gut sichtbarem Leinengrund in eine Gruppe zusammen. Man trifft sie in Alpenregionen an, vom Engadin über Norditalien, Ungarn und Siebenbürgen. Ihre Musterungen gehen zurück auf die Modelbücher und auf frühe Buchdrucke, von ca. 1523 bis 1626. Diese Musterbücher waren weit verbreitet und die Motive wiederholen sich in den genannten Gebieten bis ins 18. und 19. Jahrhundert. Verwandt mit ihnen sind die mit roter Seide verzierten Textilien aus dem Mittelmeergebiet (Italien, Spanien des 16. und 17. Jh.).

Auch in der 2. als Kanevasstickerei bezeichneten Gruppe finden sich abgezählte Stichmuster. Zu diskutieren wäre nun, ob dieses einzige gleiche Merkmal die Einteilung in dieselbe Kategorie rechtfertigt. Diesmal ist der Stickgrund aus festem Material, und so dicht überstickt, dass er nicht in Erscheinung tritt. Diese Raumtextilien sind überwiegend mit Wollgarn verziert, sie stehen in der Nachfolge von Wandteppichen, von gewirkten oder gestickten Tapisserien. Zur Zeit des Biedermeiers bezeichnete man sie als „woolwork“ und sie waren sehr beliebt als Freizeitbeschäftigung vornehmer Damen. Kolorierte Vorlagen erlangten hier eine besondere Bedeutung. Zudem entstand im Laufe des 19. Jhs ein neuer Gewerbezweig von Fertig- und Halbfertigwaren

  Im Katalogteil sind die einzelnen Textilien sehr eingehend und mit grossem Aufwand beschrieben. Es wird unter anderem darauf hingewiesen welche Sticharten für welche Teile der Motive eingesetzt wurden. Die technischen Angaben am Ende der Beschreibung in kleinerer Schrift, wiederholen diese Stichnamen und führen neben Materialien auch Farben auf.


Im Anhang ist neben einem Glossar, Literaturverzeichnis eine alphabetisch geordnete Liste mit Zeichnungen von Stickstichen angefügt. Diese Darstellungen entsprechen Abbildungen in den bekannten Stick-Werken, vor allem der Zusammenstellung von Irmgard Peter-Müller und Reneé Boser.
Die Zeichnungen zeigen die Vorderseiten der einzelnen Stiche. Um diese Stickstiche in technischer Hinsicht vollständig darzustellen, wäre auch die Zeichnung der Rückseite wichtig. Bis anhin sind jedoch keine Untersuchungen bekannt, die diesem Wunsch nachkommen.

 

 

       
 

home  content Last revised 19 September 2006

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