ANNE WANNER'S Textiles in History   /  publications

Kettenstich und andere Stickereien, eine Sammlung von Stickereibeispielen die Fritz Iklé in den Jahren 1931 bis 1933 für Adolf Jenny-Trümpy zusammenstellte, bearbeitet von Anne Wanner-JeanRichard
Kapitel zur Technikgeschichte, publiziert in: Edition Comptoir-Blätter, 7, 2013, p 24 - 32

  Literaturangaben:

- Altdorf Weingarten, ein Heimatbuch, Hg. Stadt Weingarten, Ravensburg 1960, S 231.
- Appenzellische Jahrbücher, Hg. von der appenz. gemeinnützigen Gesellschaft und redigiert von Dekan Heim in Gais, Trogen 1877.
- Bein 1884: Louis Bein, Die Industrie des sächsischen Voigtlandes, Teil II: die Textilindustrie, Leipzig 1884.
- Bericht Zeichnungsschule: Jahresbericht der Zeichnungsschule für Industrie und Gewerbe in St.Gallen (gegründet vom Kaufmännischen Directorium), 1. Mai bis Ende März, 1. Bericht 1883 bis 9. Bericht 1892.
- Bericht IGM: Bericht über das St.Gallische Industrie- und Gewerbe-Museum, St.Gallen, 1. Bericht 1878 bis 15. Bericht 1892.
- Bericht IGM seit 1892: Bericht über das Industrie- und Gewerbe-Museum St.Gallen und über die Zeichnungsschule für Industrie und Gewerbe, jeweils 1. Mai bis 30. April.
- Bericht KD: Verwaltungsberichte des Kaufmännischen Directoriums an die kaufmännische Korporation in St. Gallen, jeweils 1. Nov. bis 31. Oktober.
- Bolley 1858: Pompejus Alexander Bolley, Bericht über die 3. Schweizerische Industrieausstellung in Bern 1857, Bern 1858, S. 261-265.
- Bühler 1946: Alfred Bühler, Fritz Iklé (7. Sept. 1877 – 17. Juli 1946), zu seinem Gedächtnis.
- Brüstle 1965, Brüstle Ferdinand, Die Entstehung und Entwicklung der Vorarlberger Stickerei, Dornbirn 1965
- Bühler -Oppenheim 1948: Kristin und Alfred Bühler-Oppenheim, Die Textilsammlung Fritz Iklé-Huber im Museum für Völkerkunde und Schweizerischen Museum für Volkskunde, Basel 1948.
- Fäsi 1766: Johann Conrad Fäsi, Staats- und Erdbeschreibung der ganzen helvetischen Eidgenossenschaft, 1765, Bd. III, 1766, S. 727.
- Gächter 1989: Marianne Gächter, Vorhangstickerei 1870-1930, in: Stickereizeit, Kultur und Kunst in St.Gallen, St.Gallen 1989, S. 69-79.
- Geitel 1908/09, 2. Auflage, Bd. 2: Max Geitel Hg., Siegeslauf der Technik, Hugo Glafey, Die Nähmaschine und die Stickmaschine, 1908/09, S. 111 ff.
- Gentzsch 1910: Alfred Gentzsch, Die sächsische Tamburgardinen-Stickerei, Inaugural Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der hohen Philosophischen Fakultät der Universität Leipzig, Leipzig 1910.
- Heinz 1990: Werner Heinz, Altdorf-Weingarten 1805-1945, Kap. II: die Vorgeschichte der Maschinenfabrik Weingarten, S. 105-120, Bergatreute 1990.
- H.G.K.: Jahresbericht der Handels- (und Gewerbe-) kammer Plauen, 1867, S. 161-165, über die schwer besiegbare Schweizer Konkurrenz; und 1868, S. 201-202, Tamburiermaschinen in Lengenfeld und Auerbach.


- Iklé 1931: Ernest Iklé, La broderie mécanique: souvenirs et documents. Paris 1931.
- Kick 1883: Friedrich Kick, Polytechnisches Journal, Notizen über die Schweizerische Landesausstellung, 1883 in Bern, Bd. 249, S. 49-59.
- Naumann 1995: Friedrich Naumann, Fürchtegott Moritz Albert Voigt, in: sächsische Heimatblätter 3/1995, S. 126-132.
- Schläpfer 1984: Walter Schläpfer, Wirtschaftsgeschichte des Kantons Appenzell Ausserrhoden bis 1939, Appenzell 1984.
- Spamer 1896-1901: Otto Spamer, Das Buch der Erfindungen, 9. Auflage, 1896-1901, Bd. 8, S. 482 ff.
- Spohr 2013: Max Spohr, Auf Tuchfühlung. 1000 Jahre Ravensburger Textilgeschichte in Ravensburg und am Bodensee, 2013.
Steiner 1947: Heinrich Steiner, 1947: Joh.Jacob Rieter & Cie. Winterthur, 1947, S. 137.
- Strobel 2012: Heino Strobel, Die Anfänge der Maschinenstickerei im Vogtland und West Erzgebirge, in: Vogtländische Heimatblätter, Chemnitz, Bd. 32. 2012, S. 17-21.
-Strobel 2013: Heino Strobel, Die ersten Schiffchenstickmaschinen in Sachsen, in: Vogtländische Heimatblätter, Bd. 33, Heft 3, 2013, S. 27-33.
- Wanner 1983: Anne Wanner-JeanRichard, Kunstwerke in Weiss, Stickereien aus St. Gallen und Appenzell, St. Gallen 1983.
- Wanner 1995: Anne Wanner, St. Galler Stickereispitze um die Jahrhundertwende, in: Spitze, hg. von Gisela Framke, 1995.
- Wanner, Mayer 2003: Anne Wanner-JeanRichard und Marcel Mayer, Vom Entwurf zum Export: Produktion und Vermarktung von Sankt-Galler Stickereien 1850-1914; in: Sankt-Galler Geschichte Band 6, S. 143-168, St. Gallen 2003.
- Wartmann 1875: Hermann Wartmann, Industrie und Handel des Kantons St. Gallen auf Ende 1866: In geschichtlicher Darstellung. St. Gallen 1875.
- Wartmann 1887: Hermann Wartmann, Industrie und Handel des Kantons St. Gallen: 1867-1880. Hg. Kaufmännisches Directorium in St. Gallen. St. Gallen 1887.
- Wartmann 1897: Hermann Wartmann, Industrie und Handel des
Kantons St. Gallen: 1881-1890. Hg. Kaufmännisches Directorium in St. Gallen. St. Gallen 1897.
- Werder 1901: Ludwig Otto Werder, Vorlagemappe „Dentelles Nouvelles“, Plauen 1901.
- Wieck 1840: Friedrich Georg Wieck, Industrielle Zustände Sachsens. Das Gesamtgebiet des sächsischen Manufaktur und Fabrikwesens, Handels und Verkehrs. Chemnitz 1840.
 
   
  Technikgeschichte der Kettenstichmaschine und Hinweise zu
Stickereiindustrie und Maschinenstickerei


Kettenstich mit Hand-Tambour
   
Das vorliegende Kapitel vermittelt einen Einblick in die Entwicklung der Stickereitechnik. Der Weg führt von der reinen Handarbeit und von der Verwendung des Tambourierrahmens mit der Nähnadel oder mit dem Häklein über frühe Stickmaschinentypen, bis hin zur industriellen Produktion von Stickereierzeugnissen mit komplexen, schnell arbeitenden und mehrnadeligen Stickmaschinen. Freie Musterungen blieben selten, vielmehr zeichnete oder druckte man vorgesehene Verzierungen auf den Stoff. Die neueren mehrnadeligen Maschinen bedurften dazu besonderer technischer Vorlagen.



Türkin unterweist St.Gallerin im Kettenstich. Ausschnitt aus einem Ölgemälde,
Ende 19. Jh. von Emil Rittmeyer, St.Gallen,
heute Textilmuseum St.Gallen.







Fotodokument mit Stickerinnen in Eibenstock, Erzgebirge, um 1900.
Stickereimuseum Eibenstock, Deutschland.


16
Bein 1884, S. 104; Gentzsch 1910, S. 3.
17 H.G.K. Berichte über Kettenstichstickereien 1867/68.
18 Wartmann 1875. S. 100 ff. und Fäsi 1766, Bd. III, S.727.
19 Gemäß einer Beschreibung des Kettenstichs in der Appenzellerzeitung vom 13. September 1920.

  Seit ca. 1750 verbreiteten sich in Westeuropa Kettensticharbeiten, die mittels Häklein auf einem straff gespannten Stoffgrund gearbeitet wurden. Ähnlich wie beim Musikinstrument das Fell oder die Tierhaut, wird das zu bestickende Gewebe zwischen zwei kreisrunde Reifen gespannt: Man zieht das Material über einen inneren Rahmen und klemmt es gewissermaßen mittels eines äußeren Rahmens ein. Der zweite Rahmen lässt sich mit Schraubverschluss zuschrauben, so dass der gespannte Stoff fest am Ort sitzt. Die Bezeichnung ‚Tambourieren‘ ist denn auch vom französischen ‚tambour‘ für Trommel abgeleitet.
Mehr oder weniger gut dokumentierte Geschichten berichten über das Bekanntwerden dieser Technik. Im deutschen Erzgebirge soll Clara Nollain, geborene Ungermann (oder Angermann) das Tambourieren 1775 eingeführt haben. Sie wurde 1754 geboren, verwaiste früh und erhielt ihre Erziehung im Kloster. Von 1775-80 lebte sie bei Verwandten in Eibenstock, wo sie auch heiratete. Um weitere Verbreitung dieser Stickereiart bemühte sich Sophie Dorothea Ficker (1769-1831), Ehefrau von Rektor Ficker
(16) .

Einige Jahrzehnte später verwendeten die Stickerinnen in Eibenstock Tüllgrund (Erfindung des Maschinentülls 1808) und auch Pailletten und Glasperlen als zusätzliche Stickmaterialien. Diese Zusätze wurden auf Garn aufgefädelt und von untern her zu dem dünnen Stickgrund geführt. Ein Häklein sticht von oben durch den Stoff, erfasst das Garn der Perlenschnur und zieht nur den Faden nach oben, legt ihn hier zur Schlinge und stößt wieder nach unten. Eine Perle nach der anderen sitzt nun fest unter dem Gewebe. Bei diesem Vorgehen hatten die Stickerinnen beim Arbeiten die Rückseite der Stickerei vor Augen.

Fotodokumente des späten 19. Jahrhunderts zeigen, dass auch zu jener Zeit das Häkchen in derselben Art zum Befestigen von Perlen- und Pailletten diente. Das Gewebe selber spannte man damals über zwei Walzen. Bereits in den 1868er Jahren war die Kettenstichmaschine
(17) im Erzgebirge, z.B. in Eibenstock vorhanden, man setzte sie nun vielfach anstelle von Handarbeit ein.

Die Einführung der Tambourierarbeit in der Schweiz geht vermutlich zurück auf zwei Türkinnen, die 1851 aus Lyon nach St.Gallen gekommen sein sollen. Der Historiker Hermann Wartmann hatte im Jahr 1875 die altbekannte Legende publiziert, gemäß dieser St.Galler Kaufleute 1751 zwei Türkinnen aus Lyon in ihre Vaterstadt eingeladen hätten, um den St.Gallerinnen das Sticken auf dem Tambour mit dem Häklein vorzuführen. Eine noch frühere Aufzeichnung von 1866 findet sich bei Johann Conrad Fäsi, in welcher es heisst, in St.Gallen werde viel Mousseline auf
türkische Art sehr kunstreich gestickt. (18)
Ein Aufhäkeln von zusätzlichen Materialien von der Rückseite her ist in der Ostschweiz nicht dokumentiert. Hier verwendeten die Stickerinnen einen oben offenen Fingerhut aus Blech. Vorne befand sich ein Schlitz, der als Führung des metallenen Häkchens diente. Daumen und gebogener Mittelfinger hielten es und stießen es auf und ab durch den Stoff. Auf der Gewebe Unterseite erfasste das Gerät den Stickfaden, den die linke Hand unter dem Stoff auf einer Spule führte und zog ihn auf die Vorderseite. Dort bildete er eine Schlaufe, durch deren Mitte das Häkchen wiederum nach unten stach (19)

Jahrzehnte später kam das Bedürfnis auf, größere Flächen zu bemustern, unter anderem wird dies ein Grund zur Entwicklung der Kettenstichmaschine gewesen sein.
     
 
   Die Kettenstichmaschine
   

Kettenstich-Maschine Typus Schatz 1,
Ausschnitt der Zeichnung von 1866 im Patentantrag StAL E 170a, Bü 731.
Landesarchiv Baden-Württemberg, Staatsarchiv Ludwigsburg, Deutschland.


Kettenstich Maschine, Detail mit freiem Arm, Typus Schatz 2; heute im Textilmuseum Sorntal SG, Schweiz.


Firmenbezeichnung der Kettenstichmaschine Typus Schatz 2; heute im Textilmuseum Sorntal SG, Schweiz.
  Der St.Galler Historiker Hermann Wartmann erwähnt den Bau einer frühen Kettenstichmaschine in der Schweiz. Er schreibt, ein Mechaniker namens Hartmann in Trogen habe mit Hilfe eines Arbeiters namens Schatz aus dem Süddeutschen Weingarten eine einnadelige Maschine konstruiert. In den 1860er Jahren gab es in der Schweiz keinen Patentschutz für Erfindungen, weshalb Schatz diese Maschine in Württemberg habe patentieren lassen. Über Hartmann berichtet der Historiker weiter nur noch, dass er später in Amerika verstorben sei. (20)
Bis anhin fehlen Spuren, die erklären würden, wie sich Schatz und Hartmann ausgetauscht haben könnten. Vielleicht arbeitete der Deutsche eine Zeitlang in der Schweiz. Es wäre auch denkbar, dass Hartmann den ehemaligen Schneider und Konstrukteur von Nähmaschinen in Deutschland aufsuchte. Ostschweizer Fabrikanten beschäftigten in Süddeutschland Heimarbeiterinnen und mögen dort auch anderen Geschäften nachgegangen sein.
(21)

Mehrere Generationen Schatz bauten in Weingarten eine bedeutende Maschinenfabrik auf. Dokumente zur Entwicklungseschichte dieses Unternehmens sind erhalten geblieben. (22) Am Anfang stand die Produktion von Nähmaschinen, die Johann Michael Schatz (1814-1866) im Jahre 1862 von Tuttlingen bei Stuttgart nach Altdorf/Weingarten verlegte. 1864 soll er von
einem ‚Schweizer Weißwarenfabrikanten‘ den Auftrag erhalten haben, eine Kettenstichmaschine zu bauen.

Tatsächlich ist eine solche Maschine in einem Patentantrag vom 9. April 1866 beschrieben. Ein Vertrag vom 14. November 1865 geht diesem Antrag voraus: daraus wird klar, dass sich nicht der Erfinder Schatz um das Patent bemühte, sondern Fabrikant Albert Fürnkorn aus Weingarten. Der Grund dafür ist nicht bekannt, man weiß nur, dass der ursprüngliche Auftraggeber damals nicht mehr gelebt haben soll, weshalb der St.Galler Michael Schittli (1822-1868) in dieser Geschichte ebenfalls eine Rolle zu spielen begann. Der Vertrag hält fest, dass Fürnkorn die Rechte an der Maschine ausüben durfte nach Bezahlung von Fr. 10’000.- an Michael Schittli. Sehr wohl könnte es sich beim ursprünglichen Auftraggeber um den bereits erwähnten Schweizer Hartmann gehandelt haben. Weil nun Schittli anstelle von Hartmann, alle bei Schatz entstandenen Entwicklungskosten der Maschine übernahm
(23) , erhielt er die erwähnten Benutzungsrechte und verkaufte diese an Fürnkorn.

Nachforschungen in Plauen (Sachsen) zeigten, dass derselbe Michael Schittli die Rechte ein 2. Mal an den dortigen Fabrikanten G. F. Schmidt verkaufte, mit der Bestimmung, dass jener die Rechte in ganz Deutschland außer Württemberg ausüben könne. Schittli erwarb sich dadurch wenig Glück, im Gegenteil, sein Konkurs wurde am 16. Oktober 1866 Tatsache, und er starb 2 Jahre später.
(24) Schmidt gab die Rechte an der Maschine an Albert Voigt in Kappel bei Chemnitz weiter. Voigt konstruierte auf Grundlage der ersten Schatzmaschine zunächst eine einnadelige Kettenstichmaschine. (25) Später entwickelte er einen Typus mit vier Etagen, den er erstmals auf der Wiener Weltausstellung von 1873 zeigte.





20 Wartmann 1887, S. 135 ff.
21 Spohr 2013, S. 113, 114.
22 Zur Entwicklung der Firma Schatz vgl. Heinz 1990, S. 105 ff. und Urkunden im Staatsarchiv Ludwigsburg: StAL E 170a
Bü 731 und StAL E 170a Bü 1131.
23 Heinz 1990, S. 108.
24 Stadtarchiv St.Gallen, Ragionenbuch 1842-1877, S. 131.
25 Voigts Patentgesuch Nr. 2785 III A, erwähnt bei Naumann 1995, S. 131.

 


Kettenstichmaschine des Albert Voigt, Kappel bei Chemnitz, Sachsen, mit 4 Etagen, Patentantrag 1871/72. Xylographie aus Spamer , 1896-1901, Bd. 8, S. 490.


Kurbelstickmaschine System Bonnaz und Cornély. Xylographie aus Spamer , 1896-1901, Bd. 8, S. 489.


Kettenstichlinie hergestellt mit Hakennadel und Fadenleger. Strichzeichnung aus Geitel 1908/9, Bd 2, S. 116.

  In Weingarten war Johann Michael Schatz am 5. September 1866 gestorben. Der Sohn Heinrich Schatz (1846-1914), der seit 1860 bei seinem Vater in die Lehre ging, leitete nun den Betrieb. 1869 ließ er selber eine zweite, verbesserte Kettenstichmaschine patentieren. Er soll von diesem veränderten Maschinentypus bis 1873 (Wiener Weltausstellung) 1’000 Stück und weitere bis gegen 1883 verkauft haben. (26)
Beide Schatz Maschinen eigneten sich, große Flächen zu mustern, besaßen sie doch einen freien, beweglichen Arm. Im Patentantrag von 1866 zum ersten Typus äußert sich der Erfinder dazu folgendermaßen: „das Neue an dieser Maschine besteht darin, dass beim Sticken der Stoff nicht bewegt wird, während sich Nadel und Faden in jeder Richtung leicht bewegen lassen so dass jedes Dessin damit gestickt werden kann”.

Wie Hermann Wartmann schreibt, lief schon beim 1. Maschinentypus der zu bestickende Stoff über zwei Walzen.
(27) Die Spannung des Stickbodens blieb jedoch ungenügend und deshalb soll Schatz als Neuerung einen festen Rahmen in der Breite des Nadelfeldes eingefügt haben.
Kritiker bemerkten, dass die Maschine nur eine Nadel habe und nur zur Darstellung des Kettenstichs auf Vorhangstoff tauglich sei.
(28) Die Schatz’sche Erfindung lasse nach Äußerung sachkundiger Schweizer noch viel zu wüschen übrig, denn sie könne nur den Kettenstich – ähnlich einer gewöhnlichen Nähmaschine – hervorbringen.

Im Jahre 1868 kam ein unterschiedlicher Maschinentypus, nämlich die einnadelige Kurbelstickmaschine erstmals nach St. Gallen.
(29) Für diese Maschine hatte der Franzose Antoine Bonnaz (1836-1915) bereits 1863 ein französisches Patent beantragt und es 1865 an Emile Cornély (1824-1913) verkauft. (30) Die auch als Cornélymaschine bezeichnete Stickmaschine arbeitete mit einer Hakennadel, die mit Hilfe eines Fadenlegers Kettenstiche erzeugte. (31) Das Stickmuster wurde auf den Stoff gezeichnet oder mit einem Druckmodel aufgedruckt. Mit Hilfe der unter dem Nähtisch angebrachten Handkurbel ließ sich der Stoff gemäß den Musterlinien lenken, bzw. besticken. Bei diesem System bewegte sich somit der Stoff, und die Nadel stach ähnlich wie bei einer Nähmaschine auf und nieder.
Neben dem Kettenstich waren weitere Sticharten wie zum Beispiel der Langstich und der Moosstich möglich.

In der Schweiz gab es veschiedene Versuche, mehrnadelige Kettenstichmaschinen zu bauen, denn man glaubte diese seien wirtschaftlicher.
(29a) Mit der Zeit zeigte es sich jedoch, dass die kleine, einnadelige Kurbelmaschine von Bonnaz und Cornély nicht nur die an sie gestellten Anforderungen erfüllte, sondern dass der Typus mit verschiedenen Zusätzen auch noch erweitert werden konnte. Gegen das Jahrhundertende wurde sie in der Ostschweiz sehr häufig verwendet.





26 Altdorf Weingarten, Hg. Stadt Weingarten, Ravensburg 1960 S. 231 und KICK 1883, Bd. 249, S. 49-59.
27 Wartmann 1887, S. 135 ff.
28 Korrespondenz vom 11. April 1866 in Akte StAL E 170a Bü 731, Staatsarchiv Ludwigsburg, Deutschland.
29 Wartmann 1887, S. 135 ff.
29a Steiner, 1947, S. 137.
30 Bezeichnung des französischen Patentes: Bonnaz, Atnoine, 1863, 1BB 59721, archives de l’Institut national de la propriété industrielle INPI.
31 Geitel 1908/09, Bd.2, S. 111ff.
       
 
  Kettenstich tambouriert und mit Maschiene
   

Hand-Tambour, Mousseline Applikation auf Tüll, Detail einer Barbe, Wolfhalden, ca. 1850. Stickmuster Sammlung Ennenda (GL), Blatt 9.


Detail eines Vorhangs mit Kettenstich und Moosstich mit Cornélymaschine, 1888/90, Hand-Spachtelarbeit, Vorderseite. Stickmuster Sammlung Ennenda (GL), Schachtel 59.


Detail eines Vorhangs mit Kettenstich und Moosstich mit Cornélymaschine, 1888/90, Hand-Spachtelarbeit, Gegenseite. Stickmuster Sammlung Ennenda (GL), Schachtel 59.

  Seit den 1870er Jahren wurden weiße Vorhänge große Mode. Im Appenzeller Vorderland (Walzenhausen, Oberegg, Reute, Heiden, Lutzenberg, Wolfhalden) entwickelte sich eine Hausindustrie, die besonders blühte, als sich die Vorhänge in Nordamerika absetzen ließen. Man verzierte sie zum Teil von Hand und mit den zu jener Zeit entwickelten Kettenstichmaschinen.
Wartmann
(32) und andere Autoren erwähnen, dass die große Nachfrage bisweilen zu nachläßiger Ausführung verleitete. Zudem legte man wenig Wert auf den guten Entwurf. Eine ständige Musterausstellung seit 1863 sollte dieser Tatsache entgegenwirken, 1867 gründete das Kaufmännische Directorium die Schule für Musterzeichner. (33) Die Ausschneidetechnik (Spachtelarbeit) brachte schließlich dieser sog. Grobstickerei (grob wegen der Verwendung grober Garnsorten) den gewünschten Erfolg. Im Jahresbericht des Kaufmännischen Directoriums heißt es, mit der Spachteltechnik sei endlich der Weg gefunden worden um erfolgreich mit den Nottinghamer Spitzenvorhängen
konkurrieren zu können. Nun entwickelte sich ein vielbegehrter Exportartikel.
(34) Um 1890 waren in Walzenhausen und Reute 752 Frauen und Kinder beschäftigt, in Oberegg 687 Frauen und Kinder. Um 1900 zählte man 235 Maschinen, davon nur 5 mehrnadelige. (35)
Bei der Kettenstich Stickerei ist es schwierig, die Arbeit mit der Nadel von derjenigen mit dem Häklein oder mit der Kettenstichmaschine zu unterscheiden. In allen drei Fällen liegen Kettschlaufen auf der einen Gewebeseite, währenddem sich auf der anderen Seite eine Strichlinie zeigt. Die Stickerei von Hand mit der Nadel lässt sich im Gegensatz zu derjenigen mit Häklein oder Maschine nicht wieder auflösen. Bei Maschinenarbeit fällt die Regelmäßigkeit der Kettschlaufen ins Auge, zudem kann die Maschine Rundungen besser ausführen als spitze Kehrtwendungen. Durch ein Verstellen der Nadel ließ sich auf der Maschine der Moosstich fertigen. Der Langstich, aus nicht gezwirntem Garn und manchmal von geringerer Qualität, soll häufig angewendet worden sein.
Bei den als Spachteltechnik bezeichneten Ausschneidearbeiten verarbeitete man zwei oder mehrere aufeinanderliegende Gewebe oder Gewebeteile. Oft legte man Mousseline auf Maschinentüll, stickte mit der Kettenstichmaschine die Musterlinien gemäss der Vorzeichnung auf und befestigte die Stoffe auf diese Weise aneinander. In einem weiteren Arbeitsgang wurden bezeichnete Mousselineteile mit der Schere wieder weg- oder ausgeschnitten.

Zur Cornély Stickmaschine gab es verschiedene Zusätze, welche das Aufnähen von Bändern und Litzen oder parallele Stichnähte ermöglichten. Neue Effekte und Muster entstanden mit der Kombination der Möglichkeiten.









32 Wartmann 1875, S. 548, 550 Anmerkung.
33 Wanner 1999, S. 23, 27.
34 Jahresbericht Kaufmännisches Directorium St.Gallen, 1888, S. 15 und Gächter 1989, S. 70ff.
35 Schläpfer 1984, S. 288.

Detail einer Stickerei mit Kettenstich in Verbindung mit Langstich mit Cornélymaschine, ca. 1850. Stickmuster Sammlung Ennenda (GL), Blatt 19.
 


Detail einer Stickerei mit Kettenstich in Verbindung mit Langstich mit Cornélymaschine, ca. 1890. Stickmuster
Vorderseite

 


Detail einer Stickerei mit Kettenstich in Verbindung mit Langstich mit Cornélymaschine, ca. 1890. Stickmuster

Rückrseite

       
a) Mitgeführte Litze, Kordel, etc. werden mit Kettenstich überstickt. Arbeit mit der Kettenstichmaschine (Soutache Technik).

Diagramme aus:
Geitel 1908/09, 2. Auflage, Bd. 2: Max Geitel Hg., Siegeslauf der Technik, Hugo Glafey, Die Nähmaschine und die Stickmaschine, 1908/09, S. 128/129 ff.

 

b) Mitgeführte Litze, Kordel, etc. werden mit Kettenstich festgehaltenn. Arbeit mit der Kettenstichmaschine (Soutache Technik).
Hier wird auf der Rückseite des Stoffes gearbeitet


  c) Litze, Kordel, etc. werden zugeführt und in die Kettenstichlinie eingearbeitet. Dazu ist eine besondere Kettenstichmaschine mit Zusatz nötig (Soutache Technik)
 
       

Hand Tambour, Goldfaden auf Mousseline, mit Kettenstich, um 1770,
Firma Ulrich Caspar Vonwiller, Stickmuster Sammlung Ennenda, Blatt 16.


 
Mousseline (handgesponnen) mit Kettenstich, datierbar da identisch mit Bestellung vom 26. Mai 1786, Stickmustersammlung Ennenda, Blatt 5

Zierdecke bestickt mit Kurbelstickmaschine, Ausschneidetechnik und Kettenstich, 1930. Stickmuster Sammlung Ennenda, Couvert 51
 
Detail der Zierdecke. Stickmuster Sammlung Ennenda, Couvert 51
     
 
  Anfänge der Stickereiindustrie: Handstickerei
   

Längenen mit Kettenstich und anderen Sticharten, noch von Hand gestickt, 1840/50er Jahre. Stickmuster Sammlung, Blatt 25.


St.Gallische Handstickerei, 1. Hälfte 19. Jahrhundert, Rapportware. Stickmuster Sammlung, Blatt 25.


Handstickerei, Detail eines Kragens,
1849/50, aus Musterbüchern eines St.Galler
Exporteurs, später Tanner & Sturzenegger.
Stickmuster Sammlung, Blatt 20.



Handstickerei, Detail einer Manschette,
1849/50. Stickmuster Sammlung, Blatt 20.

  Mit dem Verspinnen von Baumwolle bestritten ärmere Landleute im späten 17. und im frühen 18. Jahrhundert oftmals ihren Lebensunterhalt. Um 1800 wurde dieser Vorgang mechanisiert, viele Menschen verloren dadurch ihr Einkommen, aber in der neu entstehenden Stickereiindustrie fanden manche einen Ersatz. In der Ostschweiz kannte man in früheren Zeiten die Stickerei auf Leinwand. Als nun die feinen weißen Baumwollgewebe (Mousseline) aufkamen, verfeinerten sich auch die Stickereien. Es scheint, dass die Arbeit mit Tambourierrahmen und Häklein gerade im richtigen Moment bekannt wurde, um der sich entwickelnden Hausindustrie neue Impulse zu vermitteln.

Für den Kettenstich eignen sich zwar alle möglichen Gewebearten. Doch um Damenkleider und Beiwerk wie Schals, Kragen, Manschetten usw. zu verzieren, verwendete man mit Vorliebe die leichten weißen Mousselinestoffe.
Neben dem Kettenstich schmückte man sie auch mit anderen Handstickereien
und mit Spitzenstichen.

Eigentliche Vorläufer der späteren maschinellen Erzeugnisse sind die als Rapportware oder ‚Längenen‘ bezeichneten schmalen weißen Bänder. Frühe Beispiele entstanden in reiner Handarbeit, später bildeten sehr ähnliche ‚bandes‘ oder ‚entre-deux‘ die ersten Erzeugnisse der Handstickmaschine. Maschinenarbeiten wurden immer wichtiger, aber daneben blieben die reichen und vielfältigen, von Hand gearbeiteten Verzierungen noch lange Zeit weit herum berühmt. Handelshäuser meistens mit Sitz in St. Gallen vergaben Aufträge an Handstickerinnen in der Stadt, in deren Umgebung und in grenznahen deutschen Gebieten.

In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm die Bedeutung der Maschinenstickerei weiterhin zu, die feine Handstickerei verlagerte sich als Spezialitätenstickerei in den Kanton Appenzell. Bereits seit Anfang des 19. Jahrhunderts stickten die Frauen den leicht reliefierten Plattstich, den Frau Zellweger in Genua kennengelernt und in der Ostschweiz bekannt gemacht haben soll. Zudem verwendete man Hohlsaum und Durchbruchtechniken (sog. Zughöhl). Diese waren im 18. Jahrhundert besonders in Dresden zu hoher Blüte gelangt und mögen die Ostschweizer Handstickerei beeinflusst haben. Weitere Merkmale der besonders in Appenzell geübten Stickerei sind der Spitzenstich, der sich an die französischen ‚Alençon Spitze‘ anlehnt, und die feinen Applikationen von dicht bestickten Stoffstücklein auf einen bestickten Grund (Reliefstickereien).
(36)

In Ausstellungsberichten von Gewerbeausstellungen finden sich manchmal Namen von Stickerinnen, beispielsweise sind im Jahr 1858 aus Appenzell erwähnt: die Schwestern Maria Antonia und Franziska Hirsche, die Schwestern Theresia und Magdalena Brander, Franziska Mittelholzer und Maria Fässler. In Schwendi stickten Magdalena Dörig und Franziska Ulmann.
Katharina Wild arbeitete in Engenhütten.
(37) Das Museum Appenzell bewahrt Stickmustertücher auf, die Frau Büchler-Fässler (1819-1872) und Frau Landeshauptmann M. Antonia Fässler-Dörig (1827-1908) zugeordnet werden
können, ein weiteres Tuch stickte Fräulein Emilie Riess um 1911.
(38)










36 Wartmann 1875, S. 550-552, und Wanner /Mayer 2003, Bd.6, S.152.
37 Bolley , 1858, S. 261-265.
38 Wanner 1983, S. 7.
 
  Zur Entwicklung der mehrnadeligen Hand- und Schiffli-Stickmaschine
   

Handstickmaschine von Josua Heilmann in Mülhausen 1828 erfunden. Xylographie aus Spamer , 1896-1901, Bd.8, S. 482.


Maschinenstickerei mit Schrägstichfeston als Randabschluss. Stickmuster Sammlung, Blatt 27.


Maschinenstickerei mit Festonstich als Randabschluss. Stickmuster Sammlung, Blatt 26.


Maschinenstickerei mit Bohrlöchern und Kreisstichfeston. Stickmuster Sammlung, Blatt 26.
  Informationen über die Entwicklung der Hand- und Schiffli-Stickmaschine sind wiederum bei Hermann Wartmann aufgezeichnet. (39) Neue Untersuchungen von 2012 und 2013 befassen sich mit den Anfängen der Maschinenstickerei in Sachsen und im Erzgebirge, Ostdeutschland. (40) Josua Heilmann hatte seine Stickmaschine 1828 in Mülhausen im Elsass konstruiert und zwei Exemplare im Jahr 1829 an F. Mange in St.Gallen verkauft. Die Maschinen wurden daraufhin in St. Georgen bei St.Gallen in der mechanischen Werkstätte von Weniger & Co. produziert.
Der Erfolg ließ allerdings in Manchester, England, in Plauen, wie auch in der Schweiz auf sich warten. Erst als die St.Galler Franz Elysäus Rittmeyer und der Mechaniker Franz Anton Vogler einzelne Bestandteile verbessert hatten, ließ sich zu Anfang der 1850er Jahre zufriedenstellend auf den veränderten Maschinen sticken.

In der Stadt St.Gallen befand sich eine erste Fabrik an der Wassergasse. In dieser Anfangsphase bildeten die Produkte keine ernsthafte Konkurrenz zu den Handstickereien. Die Lage änderte sich erst als es gelang, ‚entre-deux‘ und ‚bandes‘ also Besatzartikel für Weißzeug, nach USA abzusetzen. Als nun ein Einkäufer für USA aus Hamburg, Samuel Hamel im Jahre1853 Maschinenstickereien unter der Bezeichnung ‚hamburgs‘ auf dem amerikanischen Markt veräußerte, kam Leben in den Handel mit diesen Maschhinenstickereien.

Bald entwickelte man Zusatzgeräte zur Stickmaschine. Die hier folgenden Daten beziehen sich auf Erfindungen in der Schweiz
(41) : Zunächst konnte die
Heilmann’sche Maschine, auch Handstickmaschine, keine Schlingstiche ausführen. Randabschlüsse erscheinen in schrägem Plattstich (Schrägstichfeston). Der sog. ‚Festonapparat‘ ermöglichte seit 1862 das Ausarbeiten der Kanten mit Festonstich. Löcher fügte man seit 1868 mittels Bohrapparat in die Stickereien ein, Hohlsäume ließen sich seit 1875 ebenfalls damit herstellen. Mit dem Kreis-Festonapparat konnte man seit 1877 die Festonstiche kreisförmig anordnen. 1889 kam ein weiteres Zusatzgerät, nämlich der Tüchli-oder Monogramm-Apparat zum Einsatz. Als ‚blinde Ware‘ bezeichnen die Fabrikanten Stickereien ohne gebohrte Zierlöcher.

Die Rückseite der Stickerei kann aufzeigen, ob es sich um Maschinenarbeit handelt. Führen nämlich Spannfäden immer an derselben Stelle von einer Form zur anderen, so weist dies auf eine Arbeit mit vielen Nadeln, die gleichartig und in genau bestimmtem Abstand voneinander arbeiten, also auf Maschinenstickerei hin.
Isaak Gröbli entwickelte später die mehrnadlige Schifflistickmaschine mit einem Zweifadensystem.
(42) Einzelne Zusatzgeräte sind auch hier verwendbar. Dieser Maschinentypus wurde 1898 von Gröblis Sohn Arnold automatisiert und bildete die Grundlage aller weiteren Entwicklungen der Schifflistickmaschine. Schifflimaschinenstickereien zeigen auf der Rückseite eine Verschlingung der beiden Stickgarne und lassen sich somit einfacher als Maschinenarbeit identifizieren als die mit der Handstickmaschine ver-
fertigten Produkte.





39 Wartmann 1875, S. 556-575.
40 Strobel 2012, in: Vogtländische Heimatblätter, 2012, Heft 3, S. 7-21 und 2013, Heft 3, 27-33.
41 Wartmann 1875, S. 566; 1887, S. 158; 1897, S. 120, 123.
42 Wartmann 1887, S. 160 ff.
   

Weissstickerei auf Mousseline, Handstickmaschine, 1911/12, Weissware, Stickmuster Sammlung Ennenda, Blatt 44

 
Weissstickerei, bestickt mit Schattenhexenstich, Handstickmaschine 1900-1902, feine Weissware, Stickmuster Sammlung Ennenda, Blatt 44
Detail einer Damenkrawatte, Handstickmaschine 1877. Stickmuster Sammlung Ennenda, Blatt 29

  Detail eines bestickten Bandes, Handstickmaschine, 1892-95, Stickmuster Sammlung Ennenda, Blatt 36

Tuellstickerei , Handstickmaschine, 1883, Weissware, Stickmuster Sammlung Ennenda, Blatt 30

 
Aetzapplikation auf Tuell,, Handstickmaschine 1880/88, Stickmuster Sammlung Ennenda, Blatt 50

Imitation von Point de Venise, Detail einer Aetzstickerei, , Handstickmaschine, St.Gallen 1924, Stickmuster Sammlung Ennenda, Blatt 47

 
Imitation einer Alençon Nadelspitze, Detail einer Aetzspitze, , Handstickmaschine, St.Gallen 1924, Stickmuster Sammlung Ennenda, Blatt 47
 
  Zum Stickereientwurf in St.Gallen, 19. Jahrhundert
   

Entwurf für die Ecke eines Taschen-
tuches, Vorzeigemodel für Handstickerei,
weiße Deckfarbe auf braunem Papier,
ca. 1850. Historisches Museum Thurgau,
Frauenfeld.


Entwurf für die Ecke eines Taschentu-
ches, Handstickerei, Stüpfelzeichnung auf
Papier, 1865. Textilbibliothek St.Gallen.



Musterentwurf für Maschinenstickerei
auf Rapportpapier, 19./20. Jahrhundert.
Bischoff Textil AG, St.Gallen.



Technische Stickereizeichnung als
Vorlage für Sticker am Pantografen.
Beispiel von Bernhard Hollenstein, Hand-
sticker, Dreien SG.

  Verschiedene Berichte und Urkunden überliefern die Namen von Stickereientwerfern, einige von ihnen seien im Folgenden genannt: Johann Ulrich Rohner (geboren 1820) hielt sich um die Mitte des 19. Jahrhunderts in St.Gallen auf. Hermann Schlatter (1813-1877) zeichnete mehr als 40 Jahre für die Firma Stäheli-Wild, er entwarf eine Decke für die Londoner Weltausstellung von 1851.

Von Wilhelm Koch (1823-1897) sind Entwürfe für feine Reliefstickereien erhalten geblieben. Er wird in Dokumenten als Graveur bezeichnet.Offenbar war dies eine gute Voraussetzung für den Textilentwurf, druckte man doch die Vorzeichnung vor allem für eine Ausführung mit der Kettenstichmaschine, häufig auf den Stoff mittels eines mit eingehämmerten Metall Lamellen versehenen Holzmodels.

Johann Schlatter-Brüngger (1822-1899) entwarf Vorlagen für Kettenstichmusterungen auf Vorhängen. Schlatter war erster Leiter der 1867 gegründeten Zeichnungsschule und unterrichtete dort auch. Die Industrie sah es als
Aufgabe der Schule an, „mit ausgebildeten Zeichnern und Zeichnerinnen dem Gewerbe des Kantons St.Gallen zu dienen“.(
43) Seit 1886 befand sich die Schule zusammen mit dem Museum und der Bibliothek im neu errichteten Gebäude an der Vadianstraße.

Musterungen mit Maschine mussten die technischen Gegebenheiten der jeweiligen Stickmaschine berücksichtigen. Ein zunächst von Hand gezeichneter Entwurf wurde auf ein transparentes Papier mit einem Raster von einem halben französischen Zoll (1,353 cm) übertragen. Dies entspricht dem geringsten Nadelabstand bei der Handstickmaschine. Der technische Stickereizeichner vergrößerte den Entwurf mit Hilfe des Vergrößerungsapparates sechsmal. Auf Karton kopiert bildet diese technische Zeichnung die Vorlage für den Sticker. Die Vergrößerung erleichtert für den Sticker die Ausführung der einzelnen Stiche. Die Übertragung des Musters auf den Stoff geschieht durch den Pantografen. Dieses Hebelsystem ist auf den Handstick- und auf den frühen Schifflistickmaschinen angebracht, und es bewirkt, dass die Stickstiche in der vorgesehenen Größe, also wieder sechsmal kleiner, auf den Stoff gestickt werden.

Die St. Galler Stickereifirmen richteten sich besonders nach Paris und man war deshalb der Ansicht, wahre Eleganz liege im französischen Barock und vor allem im Rokoko. Johannes Schlatter-Brüngger war überzeugt, dass „die Pflanzenwelt dem Ornament die besten Motive liefere“ .
(44) Die Pflanzen mussten jedoch streng stilisiert werden, damit sie jene Eleganz erreichten, die besonders französische Arbeiten auszeichneten. Auch für den Nachfolger Johannes Stauffacher (1850-1916) war das Studium der Naturformen die Basis, nach der sich das Können der Zeichner weiter entwickelt. Die Schulleitung musste ihn aber schon bald daran erinnern, dass er Stickereizeichner ausbilden sollte und nicht Blumenspezialisten.







43 Bericht IGM 1883/84 S. 1,2.
44 Beitrag von Johannes Schlatter, in: Neue Zürcher Zeitung vom 23.02.1863, S. 218, und Bericht über eine Reise nach München, Textilbibliothek St.Gallen, Signatur U2,46.
45 Wanner 1995, S. 76ff.

       
  Nachwort und Dank:
Aufgabe der Comptoir Blätter ist die thematische Aufbereitung von Sammelbeständen und Archivalien mit dem Ziel, die Ergebnisse zu veröffentlichen. Im originalen Aufsatz werden die in einer Holzschatulle aufbewahrte Sammelstücke der gestickten Textilkunst von der Kunsthistorikerin Anne Wanner-JeanRichard kommentiert. Die Aufzeichnungen des St.Galler Textilfachmanns Fritz Iklé, sowie seine Briefe an Adolf Jenny-Trümpy ermöglichten die Dokumentation dieser Stickereibeispiele. In der hier vorliegenden Internetversion sind vor allem die technischen Belange des Aufsatzes wiedergegeben. Nur wenige Beispiele der Fritz Iklé Sammlung sind einbezogen.
Die Autorin dankt Herrn Dr. Heino Strobel, Plauen, Deutschland für die großzügige Vermittlung wertvoller Dokumente aus dem Internet und für viele hilfreiche Anregungen. Für weitere fachliche Informationen sei Herrn Urs Hochuli, St.Gallen, Herrn Bernhard Hollenstein, Dreien SG, Frau Beate Schad, Plauen Deutschland, gedankt, und ebenso für Hinweise aus dem Staatsarchiv Herisau (Peter Witschi), aus dem Staatsarchiv St.Gallen (Patric Schnitzer), aus dem Stadtarchiv St.Gallen (Gitta Hassler). Dank gebührt auch Frau Monika Frey-Iklé, Stäfa und Frau Ruth Kobelt-Jenny, Ennenda, die das Projekt mit ihrem Einverständnis und Wohlwollen begleiteten.
 
Abbildungserlaubnis erteilten: Sammlung Hufenus der Bischoff Textil AG, St.Gallen, Stickereimuseum Eibenstock, Deutschland (Matthias Schürer), Staatsarchiv Ludwigsburg (Wolfgang Schneider), Textilmuseum St.Gallen (Michaela Reichel, Ursula Karbacher, Regula Lüscher), Historisches Museum Thurgau, Frauenfeld (Gabriele Keck), Textilmuseum Sorntal (Gottlob Lutz), Sammlungen des Comptoir Archives Ennenda (Ruth Kobelt-Jenny, Reto Daniel Jenny).
Die Herausgeber der Comptoir Blätter danken der Autorin für ihre Aufbereitung dieser einzigartigen Sammlung, die jetzt nach genau achtzig Jahren öffentlich vorgestellt wird.
Ennenda Glarus, im Dezember 2013
Die Herausgeber der Comptoir Blätter:
Reto Daniel Jenny & Ruth Kobelt-Jenny.
       
 

content Last revised 29 June, 2014